NO WORDS: Syke Darden´s Inside View zu Candide´s FEW WORDS Movie

Teddy Berr

Obwohl ich schon seit über zehn Jahren im Ski- Business tätig bin, war ich dennoch überwältigt, als ich die Chance bekam, mit Candide Thovex für sein Projekt „Few Words“ zusammenzuarbeiten. Das bedeutete nicht nur, gemeinsam zu shooten, sondern auch, den Traum eines Skiprofis hautnah mitzuerleben, jeden Moment Teil von etwas Neuem zu sein und dabei Augenzeuge zu werden, wie der Sport durch Candide Geschichte schreiben würde. Wenn du eine lebende Legende ablichtest oder mit dem Meister himself gemeinsam einen BC Kicker shapst, ertappst du dich, wie du vor Emotionen förmlich überkochst. Dabei schwanken die Gefühle von absolutem Glück über Sorge bis hin zu extremer Angst. Genauso vielfältig und dementsprechend schwer zu beschreiben ist Candide als Person selbst. Vielleicht gelingt es mit der Sicht eines Insiders, dieses Ausnahmetalent zu beschreiben.

Alles fing an, als ich vom Frostgun Invitational in Val Thorens zurück­ kam und plötzlich Candide am Hörer hatte. Ich konnte es kaum glau­ben, als er mir erzählte, in welch lebensbedrohlicher Lage er sich am Arlberg befunden hätte. Mit seinen Filmern Matt Pain und Andreas Johannessen fuhren sie über den Sonnenkopf, als Candide plötzlich in einen schneebedeckten Wasserfall stürzte. Matt kugelte sich bei dem Versuch, ihn zu retten, die Schulter aus. Glücklicherweise tauch­ten zwei skandinavische Freerider wie aus dem Nichts auf. Sie waren den Spuren der Film­Crew gefolgt und konnten somit schnell zur Hilfe eilen. Über anderthalb Stunden stiegen sie durch hüfttiefen Powder, um vom Gipfel aus wieder zum Parkplatz zu gelangen. Der Schock saß den Jungs tief in den Knochen. Wieder einmal wurde uns vor Augen geführt, wie schnell aus Spaß bitterer Ernst werden kann. Nach die­ sem Schock beendete ich erst einmal „Education of Style“ in Les Arcs. Ich begleitete nämlich Henrik Harlaut, Phil Casabon und die Inspired­ Crew bei ihren Drehs in Frankreich. Nachdem hier alles im Kasten war, konnte ich zu Candide und seiner Crew in St. Anton stoßen.

Wieder einmal hatte sich Candide in Stuben einquartiert. Das kleine, un­scheinbare und versteckte Resort am Arl­berg war schon oft sein place to be und kam dementsprechend prominent in seinen Web­Epi­soden ‚Candide Kamera‘ vor. Über einen Monat hin­gen wir dort ab und sammelten dank bester Powder­ Bedingungen beste Footage. Gedanklich war Candide aber schon bei seinem neuen Projekt, dem „Ticket to Mars Kicker“, der auf Tanner Halls Interview bei HBO basierte. Damals sagte der Superstar in gewohnt großspuriger Manier: „I wanna land on Mars, fuck the moon!“ Wir shapten also in Innsbruck über eine Woche an einem acht Meter hohen Schneemonster. An diesem wollte sich Candide an neue Tricks wagen, die er zuvor noch nie versucht hat­te. Der „Ticket to Mars Kicker“ war das Haupt­Feature, das in Öster­reich gefilmt wurde. Obwohl Candides Spitzname „The Cat“ nicht von ungefähr kommt, hatte er hier anfangs Schwierigkeiten, immer auf seinen Füßen zu landen. Der Spot hatte uns zwei Wochen harte Ar­beit abverlangt, bis wir endlich alles im Kasten hatten, denn die Rah­menbedingungen waren alle andere als optimal. Das größte Problem bestand darin, dass er nie mehr als sieben Versuche pro Tag hatte, weil er nach jedem Hit erst hinab zur Talstation fahren und danach noch mehrmals den Lift wechseln musste, um zurück zum Start des Inruns zu gelangen. Das kostete ihn immens viel Kraft und so war er nach jeder Session völlig ausgelaugt. Das be­unruhigte die Crew und Candide, dessen Druck mit jedem Fehlversuch weiter anwuchs. Aber dann: Wir konnten nicht fassen, was wir vor die Linse bekamen! Er stand nicht nur seinen ersten Double Cork 10, nein, er war auch noch dermaßen stylish mit Japan Grab durchgezo­gen, wie ich ihn zuvor niemals gesehen hatte. Für Candide war dies aber erst der Anfang! Er hatte Blut geleckt und wollte mehr. Nach mehreren perfekten Double Backflips schoss Candide den Inrun runter und legte den sau­bersten Triple Backflip aufs Parkett, den wir jemals zu Gesicht bekommen hatten. Da fiel uns allen glatt die Kinnlade herunter. Was für eine Entwicklung!

Nach der langen und intensiven Arbeit in Ös­terreich wollten wir einfach nur noch Party ma­chen – welcher Event hätte sich dafür besser geeignet als die X Games in Tignes?! Zwischen dem ganzen Tumult und all der Party fanden wir dennoch Zeit, uns mit seinem Sponsor Quiksil­ver zusammenzusetzen, um die Deadline für seinen neuen Film festzulegen.

Nach dem kurzen Relax­Aufenthalt fuhren wir weiter nach La Clusaz, Candides Heimatort. Er hatte die Idee, im Film einen kleinen Part über La Balme zu machen und zu zeigen, welche Auswirkungen seine Heimat auf ihn und sein Riding hatten. Zurück auf dem Berg shapten wir, was das Zeug hielt. Aber diesmal nicht wie üblich mit Hilfe von über zwölf Bullys und einer Armee von Helfern, nein, diesmal waren es nur Candide, Andreas, ein paar Freunde und ich, die seine Park­Vision in die Realität umsetzten. Das Candide Invitational hat sich mittlerweile zu einem Muss für die Park­Szene entwickelt und sollte seinen Anforderungen natürlich wieder einmal gerecht werden. Die „Daltons“, eine der Größe nach angeordnete Reihe von Step­ups, sowie der „Broadway“, ein 30­Me­ter­Table mit Backcountry­Landung, waren die Highlights des Events. Diese und ein Dutzend andere Features hatten wir fast alle per Hand gebaut. Dass höher budgetierte Filmprojekte ein ganz anderes Set­up auffahren könnten, war uns natürlich klar. Doch wir wollten den Kontrast, wie er stärker nicht hätte sein kön­nen, zu unserem Vorteil machen. Die Locals und Candide ließen es ordentlich krachen, ohne dabei die Kontrolle über die hohe Ge­schwindigkeit und die Jumps zu verlieren. Die darauf aufmerksam gewordene Menge tobte und feuerte lautstark ihre Favoriten an. Rider wie Lau­ rent Favre, J. L. Ratchel, Mathieu Bijasson, Laurent Thevenet und Candide bedankten sich auf ihre Art und legten sich so richtig ins Zeug. Candides Cou­sin Seb flog den Heli, so dass Matt abwechslungs­reiche Szenen filmen konnte.

Nach diesem erfolgreichen Tag gingen wir in die Stadt und mischten uns unter Candides Freunde und Familie. Dort wurden wir Raymond „The Ro­cket“, einem Skibauer und durchaus angenehmen Zeitgenossen, vorgestellt. Es gibt Menschen, die sind ein Original, eine eigene Marke. Und so einen müsst ihr euch vorstellen. Zudem lernten wir noch den Rest seiner Familie kennen, der uns immer un­terstützte und jeden Abend ein Menü auf den Tisch servierte, das mir noch immer das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Mit der ganzen Fürsorge und Liebe fiel uns der Abschied aus Frankreich verdammt schwer. Aber Deadlines sind nun mal Deadlines, die wir einzuhalten hatten, und so rief schon unserer nächster Dreh in Kanada.

 

Gerade vom Rollbrett runter – wie sollte es anders sein? – liefen wir direkt in die uns willkommen heißenden Arme des Zolls am Flughafen Calgary. Nach langem Hin und Her ließen sie uns endlich mit unserer extrem teuren Ausrüstung passieren. Wir quartierten uns im legendären „Snowed Inn“ ein; das Gäste­haus sollte für die kommenden Wochen unsere Base sein. Kurze Zeit später hatte Candide in Eagle Pass in der Nähe von Re­velstoke seine erste Heli­Session. Aus der Luft suchten wir nach entlege­nen Lines und individuellen Spots. Das gestaltete sich am Ende der Saison allerdings etwas schwieriger als gedacht. Doch auf unseren Guide war Verlass und er schüttelte ein paar Asse aus dem Ärmel, die sich hervorragend zum Filmen eigneten. Ein Spot davon war das 1.200 Meter lan­ge Couloir, das Candide gleich mehrere Male ab­ fuhr. Neben diesem Run fanden wir auch noch na­türliche Spots mit besseren Schneebedingungen.

Kanada überraschte uns mit seiner atemberau­bende Schönheit, der unberührten Natur. Das war auch genau das, was Candide in seinem neuen Film rüberbringen wollte: die Verbindung zur Na­tur und zum Wildlife. Viele dieser Bilder transpor­tieren eine Aussage, verdeutlichen seine Gefühle, seinen Glauben und bringen seine Lebensphiloso­phie zum Ausdruck. Für ihn stand der technische Aufwand weniger im Vordergrund. Zwar gestand er sich immer wieder ein, dass Helis, Sleds und Lifte durchaus hilfreich sein könnten, um die richtigen Spots zu finden, sie spielten für sein Projekt aber keine große Rolle. Das unterscheidet nämlich „Few Words“ von vielen anderen Produktionen, die mit ih­ren glanzvollen Heli­Aufnahmen prahlen. Stattdessen soll der Zuschauer in den Genuss kommen, direkt am Geschehen beteiligt zu sein und somit Grizzlybären, Igel, Bergziegen und einen zahmen Wolf aus nächster Nähe beobachten zu können.

Nach diesen Lifestyle­Takes musste wieder Action her und wir fuhren rauf in den Norden. Was uns zum krö­nenden Abschluss noch fehlte, waren ein paar fette Big Mountain Lines. Etwa 150 Kilometer von Stewart an der Grenze zu Alaska entfernt fand Candide bei der „Bell 2 Lodge“ perfekte Rinnen. Das Gebiet, das uns zur Verfügung stand, war größentechnisch vergleich­bar mit der Schweiz. Wieder mal waren wir auf der Su­che nach der besten Line, dem besten Powder und den besten Cliffs. Aber die Rinnen, die er zuvor gesehen hatte, waren alles, woran Candide dachte. Wir setzten ihn ab und Candide nahm wie gewöhnlich den Spot auseinander. Er fuhr schnell und flüssig in die Rinnen und verzauberte uns mit verschiedenen 360’s auf dem 2.000 Meter langen und steilen Hang. Drei super­clea­ne Sprünge in einem Run sieht man nicht oft, was Can­dides Potenzial mal wieder unter Beweis stellt.

Michael Brackenhofer, der Bruder von Telemark­ Champion Robbie Brackenhofer, hatte für uns noch eine kleine Überraschung parat. Wir kamen uns vor wie Alice im Winter Wonderland: Zu unseren Füßen lag eine circa zehn Meter hohe Natur­Quarterpipe, die sich über 500 Meter hangabwärts wie eine Windlip entlang des Gletschers zog. Das Feature hatte all un­sere Erwartungen übertroffen. Für Candide bot dieses Obstacle Unmengen an Möglichkeiten. Er zeigte uns seine ersten Switch­Doub­10­ und 12er­Versuche. Und obwohl er einige davon landete, waren seine har­ten Stürze für mich weitaus imposanter. Mehrmals to­mahawkte er den Hang hinunter. Dennoch schaffte er es irgendwie, in dem ganzen Chaos noch unverschämt gut auszusehen.

Das war’s. Wir hatten nach fünf Wochen und 6.000 Kilometern in Kanada alles im Kasten! Wie echte Rockstars feierten wir Candides 30. Geburtstag in Ste­wart/BC in der einzigen Bar mit dem einfallsreichen Namen „The Bar“. Um ein Uhr in der Früh wurden wir und die fünf anderen Gäste aus der Bar geschmissen. Ist ja sonst nicht viel los in Stewart…

Nach dem Hang­over ging’s zurück nach Europa.

Skye Darden

Checkt den Trailer zum Film und besorgt euch den ganzen Movie. Es lohnt sich!

 

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